"Blainville-Crevon - Neuilly-sur-Seine"

Videoinstallation 2007

Was seine Nachfahren, der Künstler/innen-Generation nach 1945, bei aller Faszination am Meister besonders zur Kritik veranlasste, war Marcel Duchamps Verhältnis zur Gesellschaft ganz allgemein. Egal wie er auch an den Traditionen der Kunst gerüttelt haben mag, Duchamp bleibt einer Kultur privilegierter Klassen verhaftet, praktiziert eine Kunst für Snobs und Dandys, und ist in seiner „Systemkritik“ lediglich kunstintern geblieben - so der Tenor seiner jungen Ankläger aus der Fluxus-Bewegung. Unbestritten hat sich Duchamp bspw. von dem vermögenden Kunstsammler Walter Arensberg ein Atelier in New York zur Verfügung stellen lassen und alle Vorzüge seines Mäzens genossen. In der Wohnung der Arensberg, in der westlichen 67. Straße am Central Park, hatte er Gelegenheit mit Intellektuellen zusammenzutreffen, mit Personen aus Wissenschaft und Kunst, wie bspw. Francis Picabia, Albert Gleizes, Man Ray, Mina Loy, Edgar Varése, Arthur Davis oder Beatrice Wood. Fraglos eine handfeste Alternative zur bloßen Schufterei mit der Kunst ist es auch, wenn sich etwa die Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven mit Vorliebe ihrer Kleider entledigte, um als Ready-made zu fungieren oder die Dichterin Mina Loy sich zusammen mit Duchamp, Beatrice Wood, Arlene Dressler und Charles Demuth von der Abendgesellschaft verabschiedete, um im nebenanliegenden Atelier von Duchamp dem Gruppensex zu frönen.

Demnach genug Gründe für Christoph Höschele, sich Duchamp und noch anderen Kunstmythen zuzuwenden. Der Weg zwischen Marcel Duchamps Geburtsort Blainville-Crevon (Normandie) und dem Sterbeort Neuilly-sur-Seine (Paris), sowie seine ready-made Arbeit Roue de bicyclette waren ihm dabei Inspiration und konzeptionelle Eckpunkte für seine Installation. Als Vorarbeit fuhr Höschele im Mai 2007 mit einem mit Videokameras ausgestatteten Fahrrad innerhalb von zwei Tagen von dem verschlafenen Bauerndorf Blainville-Crevon durch die Normandie und Ile de France nach Neuilly-sur-Seine, einem Nobelvorort von Paris. Für die zirka 150 Kilometer lange Strecke, die in einer malerischen Landschaft ihren Ausgang nimmt und in einem urban industriellen Ambiente endet, wählte er jeweils die Rathäuser beider Orte als Start- und Zielpunkt. Über zwei am Fahrrad montierte DV-Kameras dokumentierte der Künstler die gesamte Fahrt samt aller Weg-, Wetter- und Leistungsunregelmäßigkeiten. Während eine Kamera am Lenker befestigt und nach vorne gerichtet war, zeichnete die am Gepäckträger montierte Kamera den Rückblick der Fahrt auf.
Die beiden so entstandenen Videos haben je eine Dauer von neun Stunden.

Im Präsentationsformat Installation fungiert ein Nachbau von Duchamps Roue de bicyclette als Interface. Das bekannte Fahrradrad auf dem Hocker wurde lediglich durch ein Kamera-Stativ ausgetauscht. Durch Drehen des Rades können die Betrachter ganz nach Belieben durch das gesamte Videomaterial navigieren: vom Start bis zum Ende der Fahrt, vorwärts oder rückwärts, schnell oder langsam oder das Videobild für detaillierte Betrachtung überhaupt anhalten. Bei aller Ansammlung von Kunstmythen, hat Höschele mit einer Understatement-Rhetorik auch noch den Mythos von einer interaktiven und partizipativen Medienkunst mitreflektiert.

F.E.Rakuschan

 

 
             
 
© 2007 Christoph Höschele